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Spiegel der Kultur und Tradition Balis |
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Text und Bilder von Eva Veres |
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Prolog |
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Manche Reiseführer behaupten, die
Namensgebung
der Balinesen sei sehr einfach, sogar phantasielos, da nur vier Namen zur
Verfügung stünden, und zwar entsprechend der Reihenfolge der
Geburt der Kinder. Nach dem vierten Kind wiederholt sich das Namenkarussell
von vorne. Der Nachwuchs also, der die Welt als fünfter in der Familie
erblickt, darf sich wieder mit dem Namen des Erstgeborenen schmücken,
der sechste heißt dann so, wie der zweite und so weiter. Den Eltern
bleiben so manche Diskussionen erspart, wie das Baby heißen soll,
wenn es ein Junge oder Mädchen wird; die Jungen und Mädchen
genießen
-- zumindest, was es die Namen betrifft -- Gleichberechtigung. Soweit die
pauschale Aufklärung zu dieser kulturellen Exklusivität der
Inselbewohner.
So einfach läßt sich aber dieses Thema auch nicht abhandeln, selbst wenn es uns Touristen tatsächlich auffällt, dass bestimmte Namen besonders oft vorkommen. Allerdings könnte ein Balinese in dieser Hinsicht so manchen deutschen Familien ebenfalls Phantasielosigkeit vorwerfen, wenn er während der ersten Woche seines Besuchs bei uns feststellt, dass fünf von seinen zehn deutschen Freunden, die er gerade kennengelernt hat, Michael heißen. (Ich habe mal eine kleine Statistik über die Vornamen der Studenten unserer Universität durchgeführt. Mit Abstand erreichte der Name "Michael" die größte Häufigkeit. Kein Wunder also, dass auch in meinem Freundeskreis fast jeder zweite auf den Namen "Michael" hört.) Ich war also neugierig und wollte etwas nachbohren, wie nun die Balinesen tatsächlich heißen. Dazu fand ich allerdings herzlich wenig Literatur, weder in den Reiseführern noch in den Lexika, so wandte ich mich mit zahlreichen e-Mails direkt an meine Freunde auf der Götterinsel. Was mich aber dabei überraschte, dass die meisten jungen Balinesen kaum eine Ahnung haben, so dass sie auf meine Fragen entweder mit einem verlegenen Schweigen antworteten und schnell ein anderes Thema suchten oder bloß irgendeinen Quatsch erzählten. Die Ehrlichen schlugen vor, mich an die ältere Generation zu wenden. Insgesamt habe ich doch sehr viele - wenn manchmal auch widersprüchliche - Mosaiksteine von Informationen bekommen. Die inhaltlich reichsten und kompetentesten Auskünfte habe ich von I KETUT SUMARTA, dem Leiter der Redaktion (Ketua redaksi) der lokalen Zeitschrift SARAD und von DONNY HARIMURTI, dem Prajuru (Redakteur und Experte) der Internet-Seite BABAD BALI erhalten. Außerdem hat mich meine Freundin DEWI aus Renon/Denpasar stets mit wichtigen Hinweisen und Ergänzungen unterstützt. Als erste Kritiker haben meine in Deutschland lebenden balinesischen Freunde I GEDE OKA SINDHU PRIBADI und NI LUH GEDE YASMIN ASIH das Manuskript gelesen und kommentiert. Mein Dank gilt nun überwiegend den genannten Personen, aber auch für alle, die sich mit einem Steinchen an meinem Mosaikbild der balinesischen Namen beteiligt haben. Last but not least, danke ich MICHAEL, dem Gastgeber dieser Seite, für die Anregung, das Nörgeln und den letzten Schliff mit dem Layout. |
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Die Vornamen -- Nama depan |
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Nun, dem deutschen "Michael" entspricht --
der Häufigkeit nach -- der balinesische WAYAN.
Klar, mit der größten Wahrscheinlichkeit wird eine Familie
mindestens
ein Kind haben. WAYAN kommt aus dem javanischen
wayah-an.
Wayah
steht dort für alt und durch die Endung an
wird daraus der Superlativ -- der älteste -- gebildet. Anstelle
WAYAN
gibt es wahlweise noch drei weitere Möglichkeiten: PUTU,
GEDE
(GDE) oder LUH.
PUTU
kommt ebenfalls aus dem Javanischen, wo putu
die Bedeutung Enkel hat. GEDE ist im allgemeinen
reserviert für Jungen, und LUH können
nur Mädchen heißen. GEDE heißt
auf balinesisch groß oder der größte. LUH
läßt sich aus dem javanischen Wort galuh
herleiten, das kleines Mädchen oder Blume bedeutet.
Für das zweitgeborene Kind stehen drei Namen zur Auswahl: MADE, NENGAH oder KADEK. MADE entstammt aus dem Wort madya der Kawi-Sprache, (der besonders verfeinerten alten javanischen Dichtersprache) oder dem Sanskrit mit dem Sinn "in der Mitte". Dies kann als ein Hinweis auf die Familienplanung der ursprünglichen Bali-Kuno-Kultur aufgefaßt werden. Es waren offensichtlich nur drei Kinder vorgesehen. Die Zahl 3 spielt in der balinesischen Kultur überhaupt eine äußerst wichtige Rolle. NENGAH bedeutet ebenfalls "in der Mitte" aber auf malayisch (bahasa melayu) und KADEK meint, er sei "der zweite". Die Eltern von drei Kindern haben für
den letzten Sprößling nur noch zwei Namensvarianten zur
Verfügung,
NYOMAN
oder KOMANG. Beide sind javanischen Ursprungs.
NYOMAN
entspricht dem Wort nom-an,
der jüngste.
KOMANG ist auf den javanischen
kamong
"Baby", verwöhntes, gehütetes Kind zurückzuführen.
Viele Familien
planen aber mehr als drei Kinder, also gehen sie davon aus, dass ihr drittes
Kind nicht das jüngste sein wird. Es bekommt erst den Namen
NENGAH,
es wird also in der Folge in der Mitte stehen.
Für den Vornamen des vierten Kindes gibt es keine Alternative, es heiß immer KETUT. Das javanische Wort katut meint mitgehen, folgen, hat aber auch die Konnotation "nicht erhofft", "nicht gewünscht". (Noch ein Beweis dafür, dass eigentlich nur drei Kinder willkommen sein sollten.) Wenn wir den heiß geliebten kopi Bali bis zum letzten Tropfen ausgetrunken haben, bleibt in der Tasse nur noch der Bodensatz übrig. Die Balinesen sagen dann: "Uhuk-uhuk! Katut ampas." (ampas= Bodensatz). Aber es wird auch geflüstert, dass KETUT auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Spezies steht, wie der Panda und der Komodo. Die indonesische Regierung propagiert nämlich ein Familienplanungsprogramm mit dem Slogan "Dua saja cukup" (oder Dua anak cukup) - "Zwei (Kinder) sind genug". Ein -- trotz allen staatlichen Propaganda -- kinderreiches Ehepaar mit mehr als vier Kindern muß sich den Kopf mit dem Ausdenken von weiteren Namen niemals zerbrechen. Nein, mit dem fünften Kind fängt das Namenkarussell erneut von vorne an. Es gibt allerdings allerhand Ausnahmen. Das fünfte Kind muss z.B. nicht unbedingt wieder so wie der Erstgeborene genannt werden, es könnte eine Namensvariante des Zweitgeborenen bekommen und so verschiebt sich die Namenfolge einfach weiter. | |||
Junge oder Mädchen |
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Bei den uns vertraut klingenden Vornamen
können
wir -- von wenigen Ausnahmen abgesehen -- gleich erkennen, ob es sich um
eine männliche oder weibliche Person handelt. Nicht so bei den
balinesischen.
(Ausnahmen sind LUH und GEDE).
Deshalb setzen Balinesen ein zusätzliches Zeichen vor den Namen, um
zu zeigen, wer die Hose anhat.
Meistens steht "I" für männlich und "NI" für weiblich. Es gibt aber noch eine Latte von anderen Zeichen, wie z.B. SANG oder SI für besonders ehrenwerte und hoch angesehene Personen. Mit SANG können sowohl Frauen als auch Männer angesprochen werden, mit SI aber nur Männer. Manchmal drücken solche Namen wie SANG MADE oder SI KETUT eine besonders starke Verbindung mit den Ahnen oder mit ihrer Religion aus. (Allerdings Vorsicht mit SI. Die Anrede SI kann in der modernen indonesischen Sprache heutzutage auch für Frauen gelten, außerdem kann sie auch einen ironischen Unterton haben! Bekomme ich z.B. eine Anfrage, wie "Kabarnya SI JANOSCH bagaimana?" -- dies bedeutet, dass jemand sich um das Wohlergehen meines Katers namens Janosch erkundigen möchte, der bekanntlich keine besonderen religiösen Beziehungen hat.) Auf die weiteren vielfältigen Möglichkeiten zur sprachlichen Unterscheidung von Männern und Frauen werde ich später noch mehrmals zurückkommen. | |||
Die Nachnamen (Kosenamen) -- Nama belakang |
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Außer den genannten Vornamen bekommen
die Kinder einen zweiten, manchmal sogar einen dritten "hinteren" Namen
(nama belakang). Dieser Name
gilt eigentlich als Kosename, der die angesprochene Person besonders liebevoll
bezeichnet. Einen Familiennamen in unserem Sinne gibt es nicht. Stellt sich
uns jemand z.B. mit "nama saya
MADE"
(mein Name ist MADE) vor, so können wir
ihn oder sie -- ohne unhöflich zu werden -- ruhig fragen:
"MADE
siapa?", was etwa bedeutet, "welche(r)
MADE?". Die
angesprochene Person wird dann entweder ihren "hinteren" Namen verraten
oder wir erfahren einen modischen Nickname.
Die balinesischen Nachnamen können aus den unterschiedlichsten Quellen herrühren. Früher (vor 1945) wurden Namen vor allem aus der Natur oder aus der vertrauten Umgebung geliehen. Es dienten entweder Gegenstände (Bäume, Steine), Stimmen oder Charaktere aus den Schatzkammern der alten javanischen Kuno- oder der Sanskrit-Sprachen als Pate für kurze Kosenamen. (kuno = altertümlich, veraltet; Kuno - manchmal auch Kuna - ist die im 14. Jh. aus Java mitgebrachte alte Sprache der Balinesen.) Solche sind NADI, CANDRA, KARI, BUDI, OKA, RAI, RAKA, GEDE, ALIT... (nadi = blühen, blühend; candra = Mond; kari = noch, zusätzlich, folgend, kleinste; budi = Bemühung, Gütigkeit, oka = Kind, rai = jüngere(r) Bruder oder Schwester; raka = ältere(r) Bruder oder Schwester, gede = groß, alit = klein). WAYAN KARI bedeutet beispielsweise, dass WAYAN das erste Kind in der "Folgerunde", d.h. das fünfte unter seinen Geschwister ist. Es bedeutet außerdem, dass WAYAN KARI das kleinste Kind der Familie ist. Wenn noch andere Geschwister folgen, dann ändert sich der Name zu WAYAN ALIT. GEDE als zweite Name ist also nicht zu verwechseln mit GEDE als Vorname für Jungen. Als Nachname funktioniert GEDE nämlich nur als Adjektiv. Eine Bekannte von mir heißt z.B. NI LUH GEDE. Sie ist die Tochter der ersten Ehefrau ihres Vaters, somit hat sie den Beinamen "die Große" bekommen, damit man sie und ihre kleine Schwester NI LUH ALIT auseinander halten kann. NI LUH ALIT ist nämlich die erstgeborene Tochter der zweiten Frau ihres Vaters. (In der balinesischen Tradition ist die Mehrfachehe nicht verboten.) Wenn wir nun wissen wollen, was all die balinesischen Namen bedeuten, müssen wir also im alten Jawa-Kuno-Wörterbuch nachblättern. Die Namen der Balinesen folgen äußerst selten den Namen des Vaters. Wenn das so ist, nur auf äußeren Einfluß. Einige Eltern fügen sogar hinter ihrem Namen den Namen ihres Kindes an, um ausländische Gepflogenheiten nachzuahmen. Dies allerdings widerspricht nicht den ursprünglichen balinesischen Traditionen, die noch in den Dörfer erhalten geblieben sind. Dort wird manchmal der Name der Eltern geändert, um auf den Namen des Kindes zu verweisen. Beispielsweise heißt der Sohn WAYAN SADIA, dann wird sein Vater mit PAN SADIA gerufen. (pan bedeutet Vater, es wird also damit deutlich gemacht, dass dieser Herr der Vater des WAYAN SEDIA ist.) Ein traditioneller Nachname kann oft helfen zu erkennen, ob sein Inhaber eine weibliche oder eine männliche Person ist. Die Frauennamen enden üblicherweise mit dem Vokal i, oder den Silben ani, ini, während die Namen der Männer mit dem Vokal a (sprich: ein schwaches e) oder der Silbe ana abgeschlossen werden. | |||
Die Kasten -- Triwangsa |
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Die westlichen Geschichtsschreiber vergleichen
die Sozialstruktur von Bali gern mit dem hindustanischen
(indischen/pakistanischen)
Kastenwesen. Die Balinesen wehren sich regelrecht gegen diese Auffassung
und betonen, dass sie selbst den Ausdruck wangsa
bevorzugen, der nicht die gleiche Bedeutung hat, wie das Sanskrit Wort
kasta.
Die vornehmste Schicht wird von den Brahmanen (Brahmana), den Inhabern der geistlichen Macht, gebildet. Die exekutive Macht wird von der "Kaste" der Ksatria (sprich Kschatrija) ausgeübt. Die dritte und die vierte "Kaste", d.h. die Wesya (Waischja) und Sudra (Schudra) sind auf Bali zusammengeschmolzen. Das Wort sudra wird auf Bali ebenfalls nicht gern gehört, die Angehörigen der dritten Schicht nennt man jaba, was wortwörtlich draußen bedeutet und darauf hinweist, dass sie aus den Traditionen der beiden obersten Schichten ausgeschlossen sind. Es wird auch als unhöflich empfunden, von einer "niederen" Kaste zu sprechen. Man sollte am besten den Ausdruck warga biasa, d.h. Normalbürger verwenden. Und das ist sicherlich richtig so, denn die Aristokraten und Brahmanen bilden lediglich 10 % der Gesellschaft. Im weiteren Gegensatz zum indischen Kastenwesen hat die balinesische Gesellschaftstruktur keine Kaste der Unberührbaren (paria). Auf Bali gibt es also nur drei Gesellschaftsschichten. Diese Struktur wird dann als Triwangsa bezeichnet. | |||
Die Titel der Priester und Adeligen -- Gelar Brahmana dan Ksatria |
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Mit IDA AYU wird
die Tochter einer Brahmanenfamilie angesprochen. Für den Sohn eines
brahmanischen Priesters (pedanda)
gilt der respektvolle Titel IDA BAGUS. Der
Priester selbst wird mit der Anrede IDA PEDANDA
geehrt. Ida bedeutet edel,
erhaben.
Die Angehörigen des Adels
(ksatria)
schmücken sich mit den Titeln ANAK AGUNG,
DEWA
AGUNG, DEWA MANGGIS,
COKORDA
(alte indonesische Schreibweise
TJOKORDA)
oder GUSTI. Die Vielfalt der Titel können
wir beim Studieren der Namen der balinesischen Herrscher, der
Raja
beobachten. Etymologisch ist der Begriff raja
mit einem König gleichbedeutend, er wird jedoch wegen der starken
Devalvation des Ranges in den westlichen Sprachen oft mit Fürst oder
Prinz übersetzt. Insbesondere seit dem 29. Juni 1938 -- entsprechend
der adu domba Politik der
Niederländer
(divide et impera) --, gab es nämlich auf der knapp 5.600 Quadratmeter
großen Inselfläche gleichzeitig bis zu zwölf
Könige.
Die damaligen Herrscher der verschiedenen Regionen trugen unterschiedliche Standesbezeichnungen:
COKORDA GUSTI NGURAH MADE PAMECUTAN I. (1808-1810), ANAK AGUNG DEWA GEDE PUTU TANGKABAN III. (1833-1875), ANAK AGUNG DEWA GUSTI GEDE NGURAH PAHANG (1818-1823), ANAK AGUNG I GUSTI NYOMAN PANJI TISNA (1950-1978). Die Liste könnte beliebig ergänzt und fortgesetzt werden. Obwohl die historischen Fürstentümer als Verwaltungseinheiten 1950 offiziell aufgelöst wurden, sollten hier zum Schluß noch der jüngste Raja Balis, der Raja von Gianyar ANAK AGUNG GEDE AGUNG (1999-) und der 1978 verstorbene Raja von Ubud, COKORDA GDE AGUNG SUKAWATI erwähnt werden.
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Frauen und Männer |
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Bei meinen Forschungen
fand ich bisher allerdings nur eine einzige Herrscherin: DEWA
AGUNG ISTERI KANIA (1815-1851) und einen Raja, den ich zuerst aufgrund
seines Namens für eine Königin hielt: COKORDA
RATU NGURAH AGUNG (1844-1868). Ratu
heißt heute nämlich üblicherweise Königin. Es stellte
sich aber bald heraus, dass RATU in der
klassischen
javanischen Sprache auch als eine häufige Bezeichnung für den
König galt.
Da machten mich meine Freunde darauf aufmerksam, dass es in der balinesischen Sprache mehrere Möglichkeiten zu einer äußerst feinen Unterscheidung für Frauen und Männer gibt. Die Silben "I" und "NI" sind die einfachsten Hinweise auf die Geschlechter, es kann jedoch, wie oben erwähnt im Falle eines Mädchens auch zu Verwirrungen kommen. Um Klarheit zu schaffen, hilft das Adjektiv AYU. Nun, ayu und bagus haben im wesentlichen die gleiche Bedeutung, auf Deutsch nämlich: gut oder schön. Eine Frau wird aber eher als hübsch (ayu), ein Mann dagegen als gut oder gut aussehend (bagus) bewertet. Dementsprechend haben die Adeligen-Titel nicht nur männliche sondern auch weibliche Formen. Paarweise sind es: I GUSTI oder I GUSTI BAGUS und NI GUSTI
AYU,
Eine Ausnahme bildet hierbei der Fall COKORDA. Die weibliche Form ist nicht COKORDA AYU sondern COKORDA ISTERI (oder ISTRI). In der modernen indonesischen Sprache bedeutet isteri Ehefrau, in der balinesischen Tradition steht jedoch das Wort einfach für "Frau". So können wir sofort erkennen, dass die berühmte Tänzerin COKORDA ISTRI RATIH IRYANI eine geborene Prinzessin ist. (Sie ist die Prinzessin von Peliatan). Sie ist also weder die Frau des COKORDA, noch des Herrn RATIH IRYANI. (Die Endung "i", bzw. "ani" zeigt außerdem, dass es sich hier um ihren eigenen Namen handelt.) Hin und wieder kann es aber Verwirrungen geben. Nehmen wir den Namen I GUSTI AYU NADI. -- Ja, mit "I" vorne und AYU hinten, kein Druckfehler also! Es handelt sich dabei um eine Frau, deren Eltern überzeugt waren, dass sie eine Reinkarnation eines männlichen Mitgliedes der Familie sei, so wurde sie I GUSTI genannt, aber das zusätzliche Wörtchen AYU zeigt, dass sie in Wirklichkeit ein hübsches Mädchen ist. Es kommt also manchmal vor, dass Frauennamen mit "I" eingeleitet werden, Männernamen aber nie mit "NI" anfangen. (Laut dieser Auffassung können Männer wahrscheinlich nie die Wiedergeburt einer Frau darstellen.) NGURAH ist ebenfalls ein Zeichen für das Maskulinum. Es läßt sich aus dem Wort anglurah oder lurah, d.h. Dorfältester herleiten. Diese Bezeichnung ist seit 1400 ziemlich stark verbreitet. Es sieht nun so aus, dass ein junger Mann schmeichelhaft als BAGUS, ein reiferer dagegen als NGURAH angesprochen werden kann. NGURAH hat also nicht direkt mit der Kastenzugehörigkeit zu tun. Ältere Angehörige der höheren Kasten werden mit NIANG und KAKIANG (manchmal auch KAKI oder PEKAK) bzw. mit BIANG und AJI angesprochen. Niang bedeutet ganz einfach Großmutter und kakiang Großvater, sowie biang = Mutter und aji = Vater. Für bürgerliche Großeltern und Eltern gebührt dementsprechend aber "nur" ODAH und DADONG, bzw. MEME und BAPA. Als Beispiel sei hier ANAK AGUNG NIANG RAI MENGWI genannt, die dritte Ehefrau des bereits erwähnten Kunstförderers, des COKORDA GDE AGUNG SUKAWATI.
Vom Hörensagen erfuhr ich, dass sie alle drei jeweils die ersten Söhne ihrer Mütter gewesen sind. Ja tatsächlich, früher sollen viele Männer, vor allem die Rajas, mehr als eine Ehefrau (gleichzeitig) gehabt haben. Nun, ich mußte schmunzeln, als ich eine eMail zu diesem Thema erhielt: "Tapi kini kebiasan itu sudah berkurang." (Grob übersetzt soll es heißen, dass diese Gewohnheit heute schon abgenommen habe.) -- behauptet der Schreiber und erläutert mit beinahe pathetischen Sätzen, wie die balinesischen Männer die Frauen schätzen und verehren. Deshalb gab es 1974 einen Erlass (PP 10/1974), demnach es für Beamte im öffentlichen Dienst ausdrücklich untersagt ist, ohne Zustimmung der ersten Ehefrau wiederholt zu heiraten. Ein großer Schritt? Wie auch immer, ein Thema, das immer noch für heftige Diskussionen sorgen kann (siehe die Zeitschrift SARAD, Ausgabe März 2000), aber auch eins, das uns von unserem weit wegführen würde. Die Andeutung des Maskuliniums und des Femininums kann gehäuft werden, wie z.B. bei den Namen I GUSTI NGURAH RAI (Namensgeber des Flughafens in Tuban/Denpasar) oder der Dame DEWA AYU EKA PUTRI KARIINI (eka = eins, kari = noch, folgend). DEWA AYU ist also das genealogische Zeichen dafür, dass sie einen weiblichen Nachkommen einer früheren Raja-Familie darstellt, PUTRI bedeutet aber nicht, dass sie die Tochter des Herrn KARIINI sei, sondern ist lediglich eine zusätzliche grammatikalische Betonung ihrer Weiblichkeit. Die bahasa Bali kennt also eine Menge Wörter, um die Geschlechter, Alter, Familienstand oder andere wichtigen Rollen in der Gesellschaft der betroffenen zu verdeutlichen. Gerade dieser Reichtum an sprachlichen Facetten, der anggah-ungguh basa genannt wird und auf der sozialen Schichtung der balinesischen Gesellschaft ruht, macht die balinesische Sprache besonders schwierig und kompliziert für Ausländer. Um die balinesische Sprache zu verstehen reicht es nicht aus, die aksara Bali, die balinesischen Buchstaben, d.h. die in sich komplizierte Schrift zu kennen, man muß auch die Stratifikation der Gesellschaft begreifen. Und wie die Balinesen es immer wieder betonen, ist das Konzept der Triwangsa mit dem indischen Kastenwesen nicht vergleichbar. | |||
Heirat über die Grenzen der Kasten -- Pernikahan luar wangsa |
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Obwohl die adeligen Schichten immer mehr an
Bedeutung verlieren und die jungen Balinesen ihre Namen zunehmend aus dem
Ausland importieren, ist das Interesse an den Traditionen und die Achtung
des Kulturerbes, auch was die Namen betrifft, sehr groß. Deshalb
wäre es vollkommen unmöglich, dass ein jaba
(Angehöriger der dritten Schicht) seinen Sohn plötzlich
z.B. I GUSTI GEDE BEMBY nennt. Über ihn
würden seine Nachbarn von allen Seiten herfallen, selbst dann, wenn
seine Frau eine GUSTI AYU ist. Frauen sind
nämlich nicht berechtigt, ihren adeligen Titel an die Kinder zu vererben.
Der Grund ist, dass die adelige Tochter, die einen Mann heiratet, der nicht
einer der höheren Kasten angehört, in 90 % der Fälle
von den Eltern verstoßen und aus der Erbfolge ausgeschlossen
wird.
Und noch etwas. Wenn ein bürgerliches Mädchen einen Jungen aus der höheren Schicht heiratet, so bekommt die frische Ehefrau keinen Rang, wie seine Kinder. Sie wird nach der Hochzeit einen speziellen Titel JERO (oder JRO) erhalten, dessen Bedeutung hinein oder hineintreten ist, also eine, die den Palast von außen betritt. Nach balinesischem Prinzip folgt immer die Frau ihren Ehemann. Deshalb empfinden balinesische Familien das Ausbleiben von männlichem Nachwuchs als Tragödie, als Schicksalsschlag. Wer kümmert sich um die Verbrennung ihrer Überreste, wer wird ihre Chronik weiterführen, wenn das Haus leer wird? | |||
Zukunft der balinesischen Namen |
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Die modernen balinesischen Eltern geben ihren
Kindern oft nicht mehr die traditionellen Namen
sondern wählen importierte Vornamen. Die jüngere Generation
benutzt
die Zeichen I oder NI
immer seltener und es sind ausländische Namen
auch als zweiter Name sehr beliebt, wie TIANA
(vom Titanic), DEVI, SANDRA,
JULI,
JANUAR,
usw. Man hört bereits Stimmen laut werden, die sich über die
psychologischen Faktoren, wie z.B. die Angst, für nicht modern gehalten
zu werden, beklagen und befürchten, dass die heranwachsende Generation
sich vom Verständnis ihrer lokalen Kultur weit entfernen wird, so
dass es immer schwieriger wird einen Balinesen von den nicht Balinesen
zu unterscheiden. Meine einheimischen Freunde meinten, dass es recht
interessant
wäre zu untersuchen, aus welchen Gründen dies geschieht. Ein
falsch verstandener Zeitgeist, Einfluß des Tourismusses,
Minderwertigkeitsgefühle,
Snobismus? Sicherlich ein gutes Streitthema.
Gleichzeitig freut man sich, dass die gesellschaftliche Distanz zwischen den höheren und niedrigeren Schichten schwindet. Die langen Namen der Brahmanen und Ksatrias werden in der Umgangssprache durch Abkürzungen ersetzt, aus IDA AYU wird DAYU, aus COKORDA einfach COK, aus ANAK AGUNG bleibt manchmal nur GUNG übrig. An der Udayana Universität lernte ich einen Kollegen, einen Architekten kennen, der mich zu mehreren Ausgrabungsstätten begleitete. Auf seiner Visitenkarte stand Drs. ANAK AGUNG GDE RAI REMAWA, M.Sn, seine Kollegen nannten ihn aber nur einfach AGUNG RAI und fügten bloß mit einem etwas anderen Lächeln als üblich zu, in seinen Adern fließe blaues Blut. So kann es passieren, dass wir im täglichen Leben Nachfahren alter Dynastien begegnen. Sie schließen sich nicht in ihre Paläste ein, sondern üben moderne Berufe aus. Sie übernehmen oft führende Positionen im öffentlichen Leben aber sie integrieren sich auch im Alltag der Insel und teilen Arbeit und Opfer für die Götter gemeinsam mit den vielen WAYAN, GEDE, PUTU, KETUT ..., den einfachen Bürgern Balis. | |||
Epilog |
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Kürzlich bat mich meine Freundin, ihre
Tochter aus dem Kindergarten abzuholen. Zum vereinbarten Zeitpunkt kam
Julia mir strahlend entgegen. Sie wurde von einem blonden Jungen mit leuchtend
blauen Augen begleitet. Der Junge wollte die kurzweiligen Kindergarten-Stunden
offensichtlich mit einem kleinen Plausch noch verlängern. Sein Vater
winkte und rief ihm aber ungeduldig zu: "Komm doch schon, WAYAN,
wir wollen noch einkaufen gehen!" -- und da der Junge die verbale Aufforderung
völlig ignorierte, eilte sein Papa zu uns, um seinen ungehorsamen
Sprößling an der Hand zum Auto zu schleppen. "Entschuldigung,
wir müssen uns beeilen" -- sagte er, aber ich hielt ihn doch auf:
"Ihr Sohn hat aber einen seltenen Namen. Wissen Sie woher dieser Name kommt?"
-- "Ja klar, meine Frau und ich
haben auf Bali geheiratet. Es war eine wunderschöne Zeremonie
und wir wollten auch unser erstes Kind nach balinesischer Tradition benennen."
-- erzählte er ... "...ah wir müssen jetzt wirklich fort" --
und reichte mir zum Abschied die Hand -- "... übrigens, ich heiße
Michael, Michael Schmidt". Julia und ich, wir winkten den Beiden im
wegfahrenden
Auto noch kurz zu:"Mach´s gut!" -- "Kleiner WAYAN Schmidt, mach´s besser!" |
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| ©2001 Eva Veres - Di. 13.03.2001 | |||